Über das Projekt

Aus Glossar Ökonomisierung von Bildung

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Das ‚Glossar zur Ökonomisierung von Bildung’ (GLOEB) ist ein Gemeinschaftsprojekt der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bzw. der Max Traeger Stiftung (MTS). Damit soll zum einen eine Plattform an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gewerkschaft geschaffen werden, die kritische Texte zu zentralen Stichworten, Begriffen und Diskursen der Bildungsreformen seit den 1990er Jahren in nationalen und globalen Kontexten enthält. Zum anderen geht es auch darum, wissenschaftliche Diskurse einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und auf diese Weise zur Vermittlung wissenschaftlicher Theorien an interessierte Leser_innen außerhalb der Wissenschaft beizutragen. Hierbei ist zu betonen, dass in der Wissenschaft rege Auseinandersetzungen um ‚die richtige Theorie’, ‚das wahre Wissen’ oder ‚die angemessene Methode’ vorherrschten, die im vorliegenden Glossar dargestellt werden sollen. Die Bildungsreformen seit den 1990er Jahren sind von einer kaum noch zu überschauenden Komplexität und einer neuen Sprachregelung durchzogen, die sich mit der folgenden Beobachtung von Reinhard Kreckel für den Hochschulbereich illustrieren lässt. Er unterstreicht

„die kaum noch übersehbare Vielzahl der ‚Reformbaustellen’, die es zur Zeit in der deutschen Hochschullandschaft gibt. Da beginnt es mit der Akkreditierung und geht über den Bachelor, das Benchmarking oder die Budgetierung weiter zu den Credit-Point-Systemen, zur Dienstrechtsreform, Evaluierung, Exzellenz-Clustern und Eliteuniversität, Flexibilisierung, Globalhaushalt, Hochschulmarketing, Innovation und Juniorprofessur, über Modularisierung, Profilbildung, Qualitätsmanagement, Studiengebühren bis hin zu Wettbewerbsorientierung und Zielvereinbarung." (Kreckel 2005, http://www2.soziologie.uni-halle.de/kreckel/docs/mainzhs-entw.txt.pdf)

Diese ‚Chiffren’ des Bildungsreformdiskurses gilt es zu dechiffrieren und in einer dekonstruktiv-kritischen Weise lesbar zu machen, worin der aufklärerische Anspruch des Glossars besteht. Es handelt sich oftmals um moderne ‚Mythen’, wie neoinstitutionalistische Theorien hervorgehoben haben, die einen genauen Blick auf die normativen Implikationen und bildungspolitischen Funktionen dieser Reformbegriffe notwendig macht. Denn diese gleichförmige Reformsemantik findet sich flächendeckend in allen Bereichen des Bildungssystems: Evaluation, Leistungsorientierung, Wettbewerb, Profil und Output im schulischen Bereich, Qualität, Controlling und Management in Weiterbildung, Berufsbildung oder Sozialpädagogik.Kritik an den Bildungsreformen wird daher in vielfältiger Weise in Wissenschaft und Gewerkschaft geäußert. Kritisiert werden dabei u.a. die ‚Liga-Logik’ von PISA, die bildungspolitisch einseitige Orientierung an Exzellenz, Elite, Wettbewerb und Konkurrenz, die funktionale Kompetenzorientierung als Bildungsprinzip, die verschärften Kontrollformen und die verstärkten Prüfungselektion, die Deprofessionalisierung von Lehrer_innen und Dozent_innen, die Verkürzung schulischer und universitärer (Aus-)Bildungszeiten, die Durchsetzung einer Management-Logik in Bildungsorganisationen, die zunehmende Privatisierung in allen Bildungsbereichen, die Festschreibung von Bildung durch Standards, die Segmentierung von Vermittlungswissen in Modulen und die Verschulung des Studiums, die zunehmende Spreizung in ‚erfolgreiche’ und ‚erfolglose’ Bildungsinstitutionen mit Mangelverwaltung, die Outputorierung neuer Steuerungsformen, die Dominanz einer quantitativ-evidenzbasierten Bildungsforschung oder die Relativierung von Gleichheit im Zeichen individualisierter Leistungsgerechtigkeit.

Die oben genannten ‚Chiffren’ und ‚Reformbaustellen’ zeigen deutlich, dass die Reformen auf ganz unterschiedlichen Ebenen im Bildungssystem stattfinden, die sich auch in der Weite der Glossarbegriffe widerspiegeln. So finden sich unter den Glossareinträgen gängige bildungspolitische Begriffe wie ‚Bildungsreformen’ neben wissenschaftlichen Ansätzen wie etwa ‚Bildungsregime’ und auch normative Begriffe wie ‚Gleichheit’. Gemeinsam ist diesen Begriffen, dass sie in verschiedener Weise prägend für den Bildungsreformdiskurs sind, der nicht nur vermeintlich positiv-euphemistische Leitbegriffe wie ‚(Bildungs-)Qualität’ hervorgebracht, sondern auch negative Ausschlusskategorien wie ‚Risikogruppen’ und ‚Belastungsindex’ produziert hat, in denen bestimmte soziale Gruppen etikettiert und Verantwortung zugeschrieben werden. Danach sind es vor allem, wenn auch nicht nur, Migrant_innen und deren Kinder, die verstärkt zum Generalproblem des bundesdeutschen Bildungssystems im Kontext der Bildungsreform erklärt werden. Die Vielfalt der genannten Kritikpunkte verweist bei aller Unterschiedlichkeit jedoch auf einen gemeinsamen Nenner der Entwicklung und Veränderung in den unterschiedlichen Bildungsbereichen und Bildungsinstitutionen: Es geht im Kern um eine Ökonomisierung von Bildung, womit der kritische Akzent des Glossarprojekts namentlich bezeichnet ist. Mit dem Begriff der Ökonomisierung ist daher gleichsam die Generalthese des vorliegenden Glossars formuliert. Denn die genannten bildungspolitischen Entwicklungen und Veränderungen, so die grundlegende Annahme, lassen sich mit dem Begriff der Ökonomisierung insofern angemessen erfassen, als damit ein grundlegend sich wandelndes Verhältnis von Bildung, Staat/Politik, Ökonomie und Zivilgesellschaft seit den 1980er Jahren beschrieben werden kann. Mit dem Ökonomisierungsbegriff ist jedoch nicht die ‚feindliche Übernahme’ der Bildung durch die Ökonomie gemeint, sondern es handelt sich vielmehr – wie etwa Bertold Vogel betont – um ein „strategisches Projekt der Politik“. Dieses Projekt drückt sich im selektiven strategischen Rückzug des Staates aus, der zu einer Öffnung des bildungspolitischen Raums für private und zivilgesellschaftliche Akteure führt. Das geht nicht nur mit der Einführung einer neuen Wettbewerbskultur im Bildungsbereich einher, sondern auch mit einer nachhaltigen Verschärfung staatlicher Kontrollformen im Feld der Bildung. Ökonomisierung in einem weiten Sinn zielt hierbei auf alle Ebenen und Formen der bildungspolitischen Veränderung: Von der Makrobebene politischer Steuerung und neuer Akteurskonstellationen über die Mesoebene der Bildungsinstitutionen bis zur Mikroebene von Unterricht, Bildungspraktiken und Subjekten.

Der Gebrauchswert des vorliegenden Glossars besteht darin, dass es neben der Darstellung und Reflexion wichtiger Reformbegriffe auch einen Baukasten bieten soll, auf den der/die Benutzer_in je nach Interesse zugreifen kann – ob für die eigene kritische Auseinandersetzung oder für die Verwendung der Texte im Unterricht, in Seminaren an der Hochschule oder in der Weiterbildung. Das Format der Glossarbeiträge ist durch eine problemorientierte und kritische Perspektive auf den jeweiligen Begriff bestimmt. Der Zweck besteht explizit nicht darin, Lexikonartikel oder Handbuchbeiträge zu den genannten Stichworten mit dem Anspruch einer Einführung oder Übersicht etwa über den Forschungstand zu liefern. Vielmehr sollen die gegenwärtigen Bildungsreformen und bildungspolitischen Veränderungen mit besagtem Schwerpunkt auf dem Ökonomisierungsaspekt kritisch beleuchtet werden. Damit soll ein Beitrag zur bildungstheoretischen Diskussion auch mit der Absicht geleistet werden, die weitläufige Kritik an den verschiedenen Reformbaustellen des Bildungssystems zu bündeln. Legt man hierbei die ursprüngliche Bedeutung des Kritikbegriffs von ‚Unterscheiden’ zugrunde, so ist das Ziel dieses kritischen Glossars beschrieben: Es soll zur Stärkung der Unterscheidungsfähigkeit beitragen, was für die wissenschaftliche wie auch politisch-gewerkschaftliche Arbeit zentral ist. Das GLOEB-Projekt ist als work in progress konzipiert, in dem schrittweise eine Erweiterung des Glossars bis 2015 erfolgen soll. Getragen wird es neben der Redaktion vor allem von einem Netzwerk aus Autor_innen, das eine Vernetzung aller Interessierten ermöglichen soll. Zudem sollen von ihm kontinuierliche Impulse für die kritische Diskussion um die Ökonomisierung von Bildung ausgehen, wozu zukünftig neben den Glossartexten auch ein Blog zur Verfügung stehen wird.

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